ISO 20022

Die erfolgreiche Migration auf ISO 20022 und die daraus gewonnenen Erkenntnisse

Manager mit Tablet-PC in der Industriehalle vor einem Serverschrank stehend

Im März 2023 wurde der mit Spannung erwartete neue weltweite Zahlungsverkehrsstandard ISO 20022 eingeführt. Ingrid Weißkopf, Head of FI Cash Advisory, und Dr. Roland Nehl, Programm-Manager, lassen das Wochenende, an dem die Migration stattfand, noch einmal Revue passieren und nennen die Chancen, die der neue Standard Finanzinstituten und Unternehmen bietet.

Am Montag, 20. März, wurde es ernst: Nach jahrelangen Vorbereitungen sollte das europäische Großbetragszahlungssystem TARGET2 umgestellt werden. Zuvor hatten die Zahlungsverkehrsteams von Banken in ganz Europa noch letzte Checks durchgeführt. Zudem hatten viele Experten bereitgestanden, um im Notfall eingreifen zu können. Schließlich galt es, die „Hauptschlagader“ der europäischen Wirtschaft am Leben zu erhalten.

Im Rahmen dieses „Big Bang“ – der Einführung des ISO 20022-Standards in ganz Europa – wurde binnen eines Tages Liquidität vom alten ins neue System übertragen. Ab Montag konnten die Banken im Euroraum wieder erfolgreich Zahlungen verarbeiten. Für ihre Firmenkunden war von alldem nichts zu merken.

Zur gleichen Zeit – und nicht minder folgenreich – führte SWIFT seinen neuen CBPR+-Standard für grenzüberschreitende Zahlungen und das Berichtswesen ein. Damit begann eine Koexistenzphase, während der sowohl Nachrichten im alten MT-Format als auch Nachrichten nach ISO 20022 unterstützt werden. Erst 2025 soll das alte MT-Format eingestellt werden. Banken auf der ganzen Welt mussten nun sicherstellen, dass sie CBPR+-Nachrichten empfangen können – senden können müssen sie sie bislang nicht. Wie ihre Kollegen aus Europa führten Payments-Teams rund um die Welt finale Checks durch und überwachten den Höhepunkt jahrelanger Vorbereitungen.

Binnen eines einzigen Tages wurde die Zahlungsverkehrslandschaft, die ein halbes Jahrhundert bestanden hatte, unter engmaschiger Überwachung komplett umgestellt. Am Dienstag herrschte Gewissheit: Die Migration auf ISO 20022 war ein voller Erfolg.

Gewonnene Erkenntnisse und Blick nach vorn

Intensive Vorbereitung zahlt sich aus

Hinter dieser Leistung steckt viel Arbeit. Am Wochenende der Migration waren fast 200 Commerzbank-Mitarbeiter und wichtige Dienstleister im Einsatz oder auf Abruf, um im Notfall einzugreifen. Zugleich stand man in engem Kontakt mit den Korrespondenzbanken. Durch die genaue Überwachung verschiedener Kontrollpunkte im Zahlungsprozess – vom Auftragseingang über die Prüfung bis hin zur Buchung und zum Abschluss – konnte jederzeit eingegriffen werden, wäre eine Nachricht hängen geblieben oder zurückgewiesen worden.

Am Ende war keine Notfallmaßnahme nötig, was insbesondere den umfangreichen Vorbereitungen in den vorangegangenen Monaten, nicht zuletzt den zahlreichen Tests, zu verdanken war. Zunächst waren die Grundlagen bilateral mit den Partnerbanken gelegt worden, bevor die Commerzbank unter dem von SWIFT angebotenen Erstanwender-Programm (early adapter) in die wichtige CBPR+-Testphase einstieg. In dieser Phase konnten wir mit einer ausgewählten Nutzergruppe in einer Echtzeit-Umgebung Transaktionen im CBPR+-Format durchführen. Tatsächlich führte die Commerzbank als erste Bank im Rahmen des Programms eine Transaktion durch; zugleich kam sie in dieser Phase auf das höchste Transaktionsvolumen aller Banken.

Die Testzahlungen zeigten auch, dass Banken die neuen Standards weitgehend gleich auslegten; zugleich wurden etwaige Diskrepanzen und Probleme aufgedeckt. Ab diesem Punkt wurden die „Penny-Tests“ immer weiter ausgeweitet – von wenigen Zahlungen auf Hunderte Transaktionen am Tag.

Die Tests mit den Partnerbanken zeigten aber auch, wie weit die Migrationsstrategien und die Umsetzungsgeschwindigkeiten am Markt auseinanderklafften. Bei einigen Banken wurden die Vorbereitungen für die ISO 20022-Migration buchstäblich in letzter Minute abgeschlossen. Das lag nicht zuletzt daran, dass durch die Migration alte Strukturen überholt und bestehende Strukturen auf Vordermann gebracht werden mussten.

Im Rahmen des „Big Bang“ wurde in Europa gleichzeitig auf das Großbetragszahlungssystem TARGET2 und der Währungszahlungsverkehr über Korrespondenzbanken CBPR+ umgestellt, womit sich die Region einen gewissen Vorsprung verschafft hat. Doch auch jenseits des Euroraums waren global agierende Banken – auch aus den Schwellenländern – bestens vorbereitet, die erste Hürde in Richtung ISO 20022-Migration auf CBPR+ zu nehmen. Das zeigt, wie wichtig das neue Eingangsformat ist. Schon bald wird es der alleinige Standard für die grenzüberschreitende Zahlungsabwicklung im SWIFT-Netzwerk sein.

Die Umstellung ist nun in vollem Gange und bereits jetzt konnten wertvolle Schlüsse für die kommenden Schritte gezogen werden.

Kleine Probleme schnell gelöst – Inkompatibilitäten bereiten noch Kopfschmerzen

Allein aufgrund der Größenordnung der Migration war klar, dass einige Hürden genommen werden mussten. Kleinere neuralgische Punkte traten zutage, aber sowohl aus interner Sicht als auch im Netzwerk unserer Korrespondenzbanken zeigte sich, dass man auf auftretende Probleme bestens vorbereitet war.

So gab es ein paar Probleme mit der Relationship Management Application (RMA) von SWIFT, die die „Geschäftsbeziehung“ zwischen Banken regelt. Diese waren aber erwartet worden und ließen sich schnell beheben, es waren typischerweise Nacherfassungen von zugelassenen ISO 20022-Nachrichten erforderlich. Danach liefen die Zahlungsströme im SWIFT-System wieder regelmäßig.

Allgemeinere Probleme bereiteten die Standards, die im Grunde nichts anderes als Regelwerke sind. Zum einen waren die TARGET2- und SWIFT-Standards bei ihrer Einführung im März nicht zu 100 Prozent kompatibel, wodurch Interoperabilitätsprobleme auftraten. So konnten über TARGET2 angelieferte Transaktionen bei der Weiterleitung nach SWIFT im neuen CBPR+-Standard „hängen bleiben“.

Glücklicherweise waren nur wenige Zahlungen davon betroffen, und die Standards weichen nur in fünf oder sechs Punkten voneinander ab. Brancheninterne Arbeitsgruppen arbeiten schon daran, wie sich die Kompatibilität steigern lässt und geprüft werden kann, dass Transaktionen in beiden Systemen bearbeitet werden können. Die Commerzbank kann solche Zahlungen, die die Anforderungen nicht erfüllen, zurückweisen; deren Anzahl ist aber zum Glück sehr begrenzt. Alternativ können Banken diese Zahlungen so anliefern, dass diese auch im Einklang mit dem CBPR+-Standard sind und die regulatorischen Anforderungen erfüllen – und so die Transaktion abschließen.

Die globale und völlige vernetzte ISO 20022-Migration steht noch am Anfang und man sollte sich vor Augen halten, dass sich der MT-Standard von SWIFT über Jahrzehnte hinweg weiterentwickelt hat. Daher ist es nur verständlich (und war so auch erwartet worden), dass die Standards und ihre Auslegung noch aufeinander abgestimmt werden müssen. Laufende Anpassungen werden nach und nach dafür sorgen, dass ISO 20022 so robust wie sein Vorgänger wird.

Einführung von ISO 20022: nur der erste Schritt einer Digitalisierungswelle für Unternehmen

Unternehmen dürften die Auswirkungen der ISO-Migration im Großbetrags- und Währungszahlungsverkehr bislang noch nicht gespürt haben. Denn aktuell beziehen sich die betroffenen Prozesse vornehmlich auf den Austausch zwischen Banken. Doch die Möglichkeiten des Nachrichtensystems sind noch nicht ausgeschöpft.

So werden den Banken – laut der Empfehlung der Payments Market Practice Group (PMPG) – die umfangreichen Möglichkeiten zur Datennutzung erst dann angeraten, wenn alle wichtigen Clearinghäuser auf die neue ISO-Norm umgestellt haben. Somit das mehr an Daten des ISO-Standards (Rich Data) durchgängig verarbeitet werden kann.

Bisher bietet die Commerzbank ihren deutschen Firmenkunden den digitalen Kontoauszug (camt.05x) gemäß ISO 20022 an, der in Zukunft auch die volle Bandbreite des Datenspektrums enthalten wird, sofern diese Daten angeliefert werden.

Unternehmen sind derzeit jedoch in keiner Weise verpflichtet, die Migration sofort umzusetzen. Je nach Angebot für Firmenkunden und Zahlungsinfrastruktur der Hausbank können Kunden noch bis 2025 das klassische MT-Format anstelle von ISO 20022 nutzen.

Die Commerzbank rät ihren Kunden, zunächst das Berichtsformat nach ISO 20022 (camt.5x) zu verwenden und erst später, wenn die Einführung in den lokalen Märkten stattgefunden hat, die empfohlene Zahlungsinitiierungsmethode zu übernehmen; z. B. wird es im deutschen Markt ein ISO-Analogon zum DTAZV-Format geben.

Weiterhin gilt es zu beachten, dass SWIFT die sogenannte strukturierte Adresse (XML-Struktur) des Zahlungsempfängers einführen will. Dies könnte über mehrere Schritte erfolgen und dürfte eine große Herausforderung für Unternehmen sein, die ihr ERP-System anpassen müssten.

Welche Vorteile haben komplexe Daten („Rich Data“) für Unternehmen?

In der weltweiten Einführungsphase wird es noch keine Empfehlungen oder Marktgepflogenheiten geben, wie die in den erweiterten Datensätzen enthaltenen Informationen zu verwenden sind. Welche Vorteile für sie bestehen, müssen Unternehmen gemeinsam mit ihren Partnern im eigenen Umfeld herausfinden. Erst dann lassen sich ein Business Case und eine Strategie entwickeln.

Natürlich sind die umfangreicheren Daten, die ISO 20022 mit sich bringt, nicht für alle Unternehmen gleichermaßen nützlich – die höhere Komplexität und die damit verbundenen Kosten können auch eine Belastung sein. Unabhängig von der Branche können vor allem Unternehmen mit umfangreichen grenzüberschreitenden Transaktionsvolumina, großen Cashpools und komplexen Abstimmungsprozessen davon profitieren, denn Rich Data kann hier die Prozesse vereinfachen.

Banken spielen hier eine wichtige Rolle. Mit ihrer Expertise und globalen Reichweite kann die Commerzbank ihren Firmenkunden helfen, die entscheidenden Informationen herauszufiltern, und so zeigen, dass sich die Nutzung komplexer Daten lohnt. Gegebenenfalls können Banken die Unternehmen auch dabei unterstützen, ihre Systeme so umzustellen, dass sie von den Vorteilen profitieren.

Blick nach vorn: Wie geht es mit der ISO 20022-Migration weiter?

Bislang wurde der neue Nachrichtenstandard im Wesentlichen nach dem Like-for-like-Ansatz eingeführt, der das Gesamtmaß an Störungen eindämmen soll. Wie die nächsten Schritte aussehen werden, ist noch offen.

Zum Beispiel könnten Unternehmen, die die neuen „Datenfunktionen“ einführen, das Heft in die Hand nehmen, ihre Geschäftsprozesse optimieren und in fernerer Zukunft sogar in Richtung Echtzeitzahlungen denken.

Hinzu kommt, dass Aufsichtsbehörden und Standardsetzer das Tempo für neue Initiativen vorgeben, z. B., indem sie eine größere Transparenz bei den Zahlungen einfordern. Das könnte sowohl in Form internationaler Compliance-Standards als auch in Form lokaler Vorgaben geschehen.

Weitere Meilensteine für die weitere ISO 20022-Einführung sind konkreter: In Großbritannien wurde das CHAPS-System im Juni dieses Jahres migriert; 2024 folgt CHIPS, das größte private Clearingsystem der USA. Mit Fedwire – dem Zahlungssystem der Federal Reserve – wird das letzte große Clearinghaus 2025 den Standard übernehmen. Dann können Banken die Möglichkeiten von ISO 20022 nahezu voll nutzen.

Im selben Jahr endet dann auch die Koexistenzphase des MT- und des CBPR+-Formats und das MT-Format wird eingestellt. Bis zu dieser wichtigen Deadline arbeiten die Normungsinstitute noch fleißig daran, die vollständige Kompatibilität und Interoperabilität der neuen Spezifikationen sicherzustellen. Die weltweite Migration auf den neuen Nachrichtenstandard ist ein laufender Prozess und die einzelnen Schritte werden sich über Jahre hinziehen. Mit dem erfolgreichen Start im März ist es somit nicht getan. Vielmehr gilt es nun, der Marktentwicklung zu folgen und daraus Werte zu generieren.